The default index page

BRICS plus: Neue Weltordnung und Ende der Leitwährung US-Dollar?

Die politischen und wirtschaftlichen Interessen der heterogenen Ländergruppe unter Chinas Führung sind zu unterschiedlich, um die westliche Vorherrschaft ernsthaft zu gefährden. Bei den globalen Rohstoffvorkommen wären die BRICS-plus-Mitglieder aber als Block in der Lage, den Westen gehörig unter Druck zu setzen.

Es sind nicht alle glücklich mit den aktuellen Machtverhältnissen auf der Welt. Die BRICS-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika wollen die geopolitische und geoökonomische Ordnung ändern und ein Gegengewicht zu den USA und zum Westen schaffen. Anfang 2024 wurde die Allianz um fünf Staaten erweitert und heißt nun BRICS plus, wobei Argentinien seine Teilnahme auf Betreiben des neuen Präsidenten Javier Milei im letzten Moment abgesagt hat.

An dieser Stelle ein kleiner historischer Exkurs zur Entstehungsgeschichte: Seit dem Ende des Kalten Krieges herrscht die sogenannte Pax Americana, ein – bis vor kurzem – relativ stabiler Zustand, in dem vor allem die USA und ihre Verbündeten den geopolitischen und geoökonomischen Ton angeben. Der allergrößte Teil des Welthandels wird in US-Dollar abgewickelt, und in internationalen Gremien und Organisationen wie dem Währungsfonds oder der Weltbank sind die USA neben den anderen G7-Staaten das dominierende Schwergewicht. 2009 beschlossen Brasilien, Russland, Indien und China das zu ändern und gründeten die Staatengruppe BRIC. 2010 stieß Südafrika dazu, aus BRIC wurde BRICS. Anfang 2024 wurden auf Initiative von Peking Saudi-Arabien, der Iran, die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten und Äthiopien aufgenommen. Das BRICS-Format avancierte damit zu BRICS plus. Vor allem Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping verspricht sich davon neue Möglichkeiten bei seinem Ansinnen, die globale Vorherrschaft der USA zu brechen.

Ende der amerikanischen Vorherrschaft und Schutz gegen Sanktionen

Die BRICS-plus-Neumitglieder Saudi-Arabien, Iran und die Vereinigten Arabischen Emirate sind wichtige Öl- und Gasproduzenten, Ägypten und Äthiopien bevölkerungsreiche Schlüsselplayer in Afrika. Irans Wirtschaft leidet massiv unter den amerikanischen Wirtschaftssanktionen und sucht dringend neue Handelspartner. Alle diese Mittelmächte haben ein gemeinsames Interesse, das der bekannte Politologe Ivan Krastev folgendermaßen formulierte: Sie wollen am Tisch sitzen und nicht auf der Speisekarte stehen. Sie möchten so wenig wie möglich über das von den USA geprägte internationale Finanzsystem handeln, sie wollen weniger abhängig vom Westen sein, und sie wollen damit vor allem auch etwaige westliche Wirtschaftssanktionen weniger bedrohlich machen. Gerade unter diesem Gesichtspunkt hat die Aufnahme von großen Produzenten fossiler Energieträger für China als Führungsmacht der BRICS-plus-Staaten einen besonderen Reiz. Peking könnte einen Krieg gegen Taiwan vorbereiten – zumindest als Option. Im Rahmen von verschiedenen Kriegsszenarien, die Chinas Führung wohl durchspielt, dürften mögliche Sanktionen des Westens dabei eine besondere Rolle spielen, auch mit Blick auf die harten Strafmaßnahmen gegen Russland nach seinem Überfall auf die Ukraine. Saudi-Arabien, den Iran und die Emirate im Konfliktfall an seiner Seite zu wissen, wäre für die Versorgung mit Erdöl und Erdgas überlebenswichtig und auch politisch hilfreich.

Heterogene Allianz

Doch wie realistisch ist die Etablierung einer neuen Weltordnung und die Ablösung des US-Dollar als globaler Leitwährung? Abgesehen von ihrer Skepsis gegenüber dem von den USA dominierten internationalen Wirtschafts- und Finanzsystem eint die BRICS-plus-Mitglieder nicht viel – im Gegenteil. Indien und China tragen im Himalajagebirge seit Jahrzehnten einen blutigen Grenzkonflikt aus. Neu Dehli hat sich im geopolitischen Ringen zwischen den USA und China ganz klar auf die Seite Washingtons geschlagen und wird von diesem auch politisch und militärisch unterstützt. Zudem ist die indische Volkswirtschaft im Gegensatz zur chinesischen nach wie vor relativ geschlossen und vor allem auf den Binnenmarkt ausgerichtet, während China ökonomisch auf das Engste mit den USA und der EU verflochten ist, auch wenn es Abkoppelungstendenzen gibt. Saudi-Arabien und Iran sind Erzfeinde, die unter chinesischer Vermittlung erst im Mai 2023 ihre diplomatischen Beziehungen wieder aufgenommen haben und sich im Nahen Osten nach wie vor feindselig gegenüberstehen. Saudi-Arabien pflegt eine strategische Sicherheits- und Energiepartnerschaft mit den USA, während der Iran immer wieder am Rande eines Krieges mit Washington und seinem Verbündeten Israel steht.

Abgesehen davon, dass die fünf BRICS-Gründungsmitglieder eine größere globale Rolle spielen wollten, waren sie nie wirklich gleichgesinnt. Während Russland und China sich immer stärker als Gegenpole zu den USA positionierten, näherte sich Indien sukzessive an die USA an, um einem aggressiver auftretenden China entgegenzutreten. Südafrika und Brasilien spielen nur gelegentlich mit der antiamerikanischen Option, während sie wirtschaftlich und politisch eng mit den USA verbunden bleiben. Nicht von ungefähr sind Indien, Brasilien und Südafrika Demokratien, während Russland und China Autokratien sind, die sich in diesem Punkt bestens mit den autoritären Herrschern Irans und Saudi-Arabiens verstehen.

Neben divergierenden politischen und wirtschaftlichen Interessen entzweit die BRICS-plus-Staaten auch ihr sehr unterschiedliches ökonomisches und demografisches Gewicht. Die fünf BRICS-Länder Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika stellen zusammen rund 41 Prozent der Weltbevölkerung (Abbildung 1), vereinigen kaufkraftbereinigt rund 32 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung auf sich (Abbildung 2) und exportieren weltweit rund 20 Prozent aller Waren (Abbildung 3). Als BRICS- plus-Gruppe kommt der Block trotz fünf neuer Mitglieder nur auf wenig mehr, nämlich rund 45 Prozent der Weltbevölkerung (Abbildung 1), 36 Prozent des globalen BIP (Abbildung 2) und 25 Prozent der weltweiten Warenexporte (Abbildung 3). Die Erweiterung dürfte daher den Charakter des bislang exklusiven Clubs von regional führenden Ökonomien grundlegend verändern. An seine Stelle tritt eine kuriose Mischung aus sehr großen, großen, mittleren und kleinen Ländern, die zum Teil sehr unterschiedliche Interessen verfolgen. Dominiert wird die BRICS-plus-Gruppe ohnehin ganz klar von der Volksrepublik China, die fast zwei Drittel der Wirtschaftsleistung und 39 Prozent der Bevölkerung auf sich vereint. So nachvollziehbar der Führungsanspruch Pekings vor diesem Hintergrund auch sein mag, so problematisch sind diese Ungleichgewichte für ein gemeinsames Handeln auf Augenhöhe. Die Balance zwischen den Interessen der Juniorpartner und dem dominanten China dürfte damit delikat bleiben. Dass es Peking gelingt, aus einer derart heterogenen Gruppe von Ländern einen handlungsfähigen, international relevanten Block zu formieren, darf eher ausgeschlossen werden.

BRICS plus als potenzielle Rohstoff-Supermacht

Auch wenn es mehr gemeinsame politische Interessen gäbe, würde das wirtschaftliche Gewicht der BRICS plus nicht ausreichen, um die bisher von Amerika bestimmte Weltordnung – zumindest kurz- bis mittelfristig – auf den Kopf zu stellen, wie die oben genannten Zahlen zeigen. Dabei gibt es aber eine Ausnahme: Bei den Rohstoffvorkommen wären die BRICS-plus-Staaten als Block in einer dominanten Position. Durch die Aufnahme von Saudi-Arabien, des Iran und der Vereinigten Arabischen Emirate kommen sie auf 43 Prozent der weltweiten Erdölproduktion und einen sehr großen Anteil bei den globalen Reserven. Fast 40 Prozent der für die Produktion von Batterien für elektrische Fahrzeuge, Stromspeicher und Mikroelektronik notwendigen Vorkommen an Seltenen Erden sind in der Hand Chinas. Bei ihrer Verarbeitung hat das Reich der Mitte fast ein Monopol. In puncto Rohstoffversorgung könnte die BRICS-plus-Gruppe den Westen also potenziell gehörig unter Druck setzen, man denke an das Ölembargo der OPEC von 1973.

G7 und US-Dollar nach wie vor dominant

Gesamtökonomisch betrachtet ist eine Neuordnung der Welt und ein Ende des US-Dollars als Leitwährung aber vorerst ein Wunschtraum Pekings, Moskaus und Teherans, der auf absehbare Zeit nicht zu realisieren sein wird. Noch immer erwirtschaften die G7-Staaten, also die wichtigsten Industriestaaten des Westens, mit knapp 10 Prozent der Weltbevölkerung (Abbildung 1) rund 30 Prozent des globalen BIP (Abbildung 2) und exportieren rund 27 Prozent aller Waren (Abbildung 3). Nach wie vor dominieren die USA als immer noch größte Volkswirtschaft und einzige militärische Supermacht nicht nur die G7 sondern auch die Welt. Rund 62 Prozent der globalen Währungsreserven sind in US-Dollar angelegt, nur zwei Prozent in chinesischen Yuan. Auch die bisherige Bilanz der BRICS-Gruppe spricht gegen ein schnelles Ende der Pax Americana. Ihr bislang größter Erfolg war die Gründung der New Development Bank im Jahr 2014, einer Entwicklungsbank nach dem Vorbild der Weltbank. Bisher begab die Bank Kredite im Umfang von lediglich etwas mehr als 30 Milliarden US-Dollar. Bezeichnenderweise wurden die Kredite hauptsächlich in US-Dollar vergeben.

Aus der Sicht Chinas sind die magere Bilanz des bisherigen BRICS-Formats und die unsicheren Aussichten für BRICS plus aber verkraftbar. Das alte BRICS-Format hat die Interessen der Machthaber in Peking nicht wirklich vorangebracht. Warum also nicht einen Neustart versuchen, der die USA und ihre Partner zumindest irritiert und womöglich einige bilaterale Beziehungen intensivieren könnte, insbesondere im Nahen Osten, wo China mehr Einfluss gewinnen will. Gleichzeitig erlaubt die BRICS-plus-Initiative den daran beteiligten Mittelmächten, sich im beginnenden Kalten Krieg zwischen China und den USA als Akteure im geopolitischen Wettbewerb zu positionieren, um nicht Spielball oder Kriegsschauplatz zu werden.

Autor:
Mario Holzner ist Direktor des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) und war 2023 Fellow der Generaldirektion Binnenmarkt, Industrie, Unternehmertum und KMU (DG GROW) der Europäischen Kommission.

Die Grafiken wurden von Alireza Sabouniha erstellt. Alireza Sabouniha ist Research Assistant am wiiw und hat kürzlich sein Masterstudium in Volkswirtschaft an der WU Wien abgeschlossen.

Bedeutung und Charakteristika der im österreichischen Außenhandel tätigen Firmen

Die durch Exportaktivitäten erzeugte Wirtschafsleistung in Österreich beträgt etwa 30%. In der Sachgüterindustrie sind durchschnittlich etwas mehr als zwei Drittel der Firmen international aktiv. Die Exportaktivitäten sind dabei auf Dauer angelegt. Größere Firmen sind wesentlich häufiger international aktiv und tragen den größten Teil an Exporten bei. Exportierende Unternehmen sind in Durchschnitt größer, erwirtschaften mehr Überschüsse und investieren mehr im Vergleich zu Firmen, die nicht exportieren. Diese bezahlen auch höhere Löhne, was jedoch nicht per se auf Exportaktivitäten sondern auf die höhere Produktivität zurückzuführen ist. Schließlich zeigt sich enge und gegenseitige Verbindung zwischen Exporten, F&E-Aktivitäten und Produktivität.

Österreichs Wohlstand hängt im hohen Umfang von Exporten ab. Ihr Anteil an der österreichischen Wirtschaftsleistung beträgt mehr als die Hälfte. Zieht man die für die Produktion der Exporte notwendigen Importe ab, stammt immer noch etwa ein Drittel der heimischen Wertschöpfung aus Exporten (siehe Grafik 1).

Trotz der großen Bedeutung der Exportwirtschaft für Österreich war bislang wenig über die Charakteristika exportierender Firmen bekannt. Wie groß ist der Anteil der österreichischen Unternehmen, die exportieren? Sind es vorrangig große oder kleine Firmen? Sind Exporteure produktiver und erfolgreicher?

Der Zugang zu Mikrodaten über das AMDC der Statistik Austria erlaubt erstmals detaillierte Antworten auf diese Fragen zu geben (Stehrer et al., 2022; Stehrer, 2023).

Wie viele Unternehmen exportieren wie viel?

Nicht alle Unternehmen exportieren. Im Durchschnitt über die Jahre 2013-2020 beträgt der Anteil der im Außenhandel tätigen Unternehmen in der österreichischen Sachgüterproduktion etwa 70%. Etwas mehr als 55% sind sowohl Exporteure als auch Importeure. Etwa 6% sind reine Exporteure, und nicht ganz 10% sind nur als reine Importeure international aktiv. Die restlichen 28% betreiben weder Exporte noch Importe (siehe Grafik 2).[1]

Die Exportaktivitäten österreichischer Unternehmen sind dabei auf Dauer angelegt. Etwa 90-95% der exportierenden Unternehmen eines Jahres exportieren auch im nächsten Jahr und nur 1-2% aller Unternehmen pro Jahr beenden ihre Exportaktivität. Weitere 5% der Unternehmen eines Jahres scheiden aufgrund einer Insolvenz oder Firmenschließung aus dem Markt aus.

Umgekehrt beginnen nur wenige nicht-exportierende Unternehmen (etwa 5% pro Jahr) mit Exportaktivitäten. Als Folge nimmt der Anteil der Exporteure an allen Unternehmen langsam, aber stetig zu, wie Grafik 2 zeigt. Waren 2013 noch 33% der Firmen nicht international aktiv, ist dieser Anteil bis 2020 auf etwa 26% gesunken. Auch die Wirtschaftskrise und die Störungen der Lieferketten infolge von Covid-19 konnten diesen Trend nicht stoppen.

Nicht-Exporteure haben auch eine höhere Wahrscheinlichkeit von etwa 5-10% aus dem Markt auszutreten. Im Durchschnitt treten pro Jahr etwa 5% der Unternehmen (in Prozent der existierenden Unternehmen) ein. Davon macht der Anteil jener Unternehmen, die sofort exportieren, etwa zwei Drittel aller Markteintritte aus.

Kleinere Firmen exportieren deutlich seltener als große Unternehmen. Während bei Firmen mit weniger als 10 Beschäftigten Exporteure in der Minderheit sind, exportieren etwa die Hälfte der Firmen mit 10 bis 49 Beschäftigten. Firmen mit mehr als 49 Beschäftigten sind sogar zu mehr als 80% Exporteure. Großunternehmen mit 250 und mehr Beschäftigten, die nicht exportieren, kommen sehr selten vor (siehe Grafik 3).

Deutschland ist der wichtigste Exportmarkt österreichischer Firmen; das bedeutet allerdings nicht, dass sich österreichische Exporteure auf diesen Markt beschränken. Der Anteil der „marginalen Exporteure“, also von Firmen, die lediglich in ein Land exportieren, liegt bei nur 15% der exportierenden Firmen. Definiert man „marginale Exporteure“ etwas strenger als Firmen, die nur ein Produkt in ein bestimmtes Land exportieren, sinkt ihr Anteil auf nur mehr rund 7%. Die Anteile der „marginalen Importeure“ sind mit 7% und 3,5% nach diesen Definitionen nur halb so hoch. Wenig überraschend sind diese Anteile bei den kleineren Firmen wesentlich höher.

Insgesamt leistet eine kleine Zahl an Unternehmen einen großen Teil der Exportumsätze. Rund zwei Drittel der Exporte entfallen auf 5% der exportierenden Firmen, 75% auf etwa 10% der Firmen und 90% auf ein Viertel der im Export tätigen Unternehmen. Ähnlich sieht es beim Import aus. Lediglich 25% der Firmen zeichnen für 90% aller Importe verantwortlich. Unterscheidet man nach der unterschiedlichen Größe von Unternehmen, ist diese Konzentration zwar etwas geringer, aber immer noch stark ausgeprägt.

Aus wirtschaftspolitischer Sicht ist diese Konzentration einerseits ein klares Zeichen für die Erfolge einiger österreichischer Unternehmen auf internationalen Märkten; sie bedeutet allerdings auch, dass es in der österreichischen Wirtschaft eine Gruppe von Unternehmen gibt, die möglicherweise deutlich anfälliger für internationale Nachfrageschocks oder Störungen internationaler Liefernetzwerke sind.

Die Stärken exportierender Firmen

Exportierende Unternehmen sind größer, erwirtschaften mehr Überschüsse und investieren mehr im Vergleich zu Firmen, die nicht exportieren. Diese „Exportprämie“ liegt absolut bei einem Faktor von etwa 2-3. Pro geleisteter Arbeitsstunde liegen Umsatz, Löhne und Betriebsüberschüsse bei Exporteuren um einen Faktor 1.2 bis 1.6 höher. Berücksichtigt man jedoch sowohl die Größe und Produktivität der exportierenden Firmen als auch sozio-ökonomische Merkmale (Bildung, Alter, Geschlecht) der Beschäftigten zeigt sich, dass die Exportaktivität nur einen sehr geringen positiven Effekt auf Löhne und Gehälter der Beschäftigten hat, was bedeutet, dass Produktivität und Performance der Firmen wichtigere Faktoren sind. Diese Zusammenhänge, zeigen sich auch in Bezug auf ihre Importtätigkeit. Auch sind Firmen, die Teil einer internationalen Unternehmensgruppe sind, sehr oft ebenfalls größer und produktiver als rein inländische Unternehmen. Dieses Muster entspricht sowohl den empirischen Ergebnissen für andere Länder als auch der gängigen theoretischen Literatur über die Performance heterogener Unternehmen. Auch Firmen, die nur in ein Land oder nur ein Produkt exportieren (marginale Exporteure), sind tendenziell größer und produktiver als Unternehmen ohne Exportaktivitäten, allerdings in geringerem Ausmaß als Firmen mit diversifiziertem Exportportfolio.

Eine Erklärung für die positive Exportprämie ist die gegenseitige, enge Verbindung zwischen Exporten und Produktivität: Exporteure sind produktiver als Nicht-Exporteure und eine höhere Produktivität in der Vergangenheit geht einher mit einer signifikant höheren Exportintensität. Exporteure betreiben auch häufiger Forschung und Entwicklung (F&E) und investieren häufiger in Digitalisierung als Nicht-Exporteure. Es gibt kaum F&E-aktive Unternehmen ohne Exporte und je mehr in F&E investiert wird, umso höher ist der Exportanteil am Umsatz. Die Kausalität zwischen Exporten und F&E läuft in beide Richtungen, d.h. Exporte schaffen Anreize und Druck, neue Produkte zu entwickeln, genauso wie F&E die Grundlage für Produkte schafft, die international vermarktet werden können.

Fazit

Exporte sind für den Wohlstand in Österreich von entscheidender Bedeutung. Neue Daten zeigen, dass Exportaktivitäten in der österreichischen Sachgüterproduktion sehr verbreitet sind; die Hälfte der Firmen mit 10 oder mehr Beschäftigten exportieren. Zwei Drittel der Exportumsätze entfallen allerdings auf nur 5% der exportierenden Firmen.

Exportierende Firmen sind größer und wirtschaftlich erfolgreicher; pro geleistete Arbeitsstunde liegen Umsatz, Löhne und Betriebsüberschüsse bei Exporteuren deutlich höher als bei Firmen, die nicht exportieren. Der entscheidende Faktor ist hier die höhere Produktivität exportierender Firmen: je produktiver eine Firma ist, desto besser kann sie sich auf Exportmärkten behaupten; umgekehrt zwingt die internationale Konkurrenz exportierende Firmen, ihre Produktivität permanent zu erhöhen.

Wirtschaftspolitisch ergibt sich daraus, dass Maßnahmen zur Förderung der Produktivität von Unternehmen zu einer besseren Exportperformance führen und umgekehrt Maßnahmen zur Förderung der Exportaktivitäten eventuell zu einer besseren Performance der Unternehmen führen. Insbesondere sind die engen Beziehungen zwischen F&E und Exporten wirtschaftspolitisch sehr wichtig, denn sie zeigen einen Weg zur Steigerung der Exportintensität über die Förderung von F&E und Innovation auf.

Wenn es wie in der Vergangenheit gelingt, die Zahl der F&E-betreibenden Unternehmen in Österreich zu erhöhen, wird auch der Anteil der Exporteure weiter steigen. Analoges gilt für den Zusammenhang zwischen Produktivität und Exporten. Maßnahmen, die die Produktivität erhöhen wie etwa Forschungsförderung sollten langfristig auch die Exporttätigkeit der österreichischen Unternehmen steigern. Im günstigsten Fall verstärken sich Exporte und Produktivität über die Zeit gegenseitig.


[1] Diese Zahlen beziehen sich auf die Primärerhebung der Leistungs- und Strukturerhebung (LSE).

Autoren:

Dr. Bernhard Dachs und Univ.-Doz. Dr. Robert Stehrer (wiiw)

Bernhard Dachs ist Senior Scientist am Center for Innovation Systems & Policy des AIT Austrian Institute of Technology in Wien. Er studierte Volkswirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien und erhielt ein Doktorat in Wirtschaftswissenschaften der Universität Bremen. Seine Spezialgebiete sind Innovationsökonomie und Internationalisierung, insbesondere im Hinblick auf die Internationalisierung von F&E, die Auswirkungen von Digitalisierung auf den Außenhandel sowie internationale Wertschöpfungsketten. Seine Arbeit ist vor allem empirisch und angewandt. Er war in einer Reihe von Beratungs- und Forschungsprojekten für österreichische als auch internationale Auftraggeber tätig. Seine Forschungsergebnisse wurden in verschiedenen referierten Fachzeitschriften veröffentlicht.

Robert Stehrer ist wissenschaftlicher Leiter am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw). Seine Expertise deckt ein breites Feld der Wirtschaftsforschung ab, das von Fragen der internationalen Integration, des Handels und der technologischen Entwicklung bis hin zu Arbeitsmärkten und angewandter Ökonometrie reicht. Seine jüngsten Arbeiten konzentrieren sich auf die Analyse und die Auswirkungen der Internationalisierung der Produktion und des Wertschöpfungshandels. Weitere Beiträge beziehen sich auf den Zusammenhang von Digitalisierung, Demographie, Produktivität und Arbeitsmärkte. Er studierte Volkswirtschaft an der Johannes Kepler Universität und Soziologie am Institut für Höhere Studien (IHS) und ist Lektor für Wirtschaftswissenschaften an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU Wien) und der Technischen Universität Wien (TU Wien).

Die Grafiken wurden von Alireza Sabouniha erstellt. Alireza Sabouniha ist Research Assistant am wiiw und hat kürzlich sein Masterstudium in Volkswirtschaft an der WU Wien abgeschlossen.

Die Afrikanische Kontinentale Freihandelszone: Fortschritte, Chancen und Herausforderungen für Afrikas megaregionale Initiative

Die Afrikanische Kontinentale Freihandelszone (AfCFTA) ist eine ehrgeizige und vielversprechende Initiative für Afrika und darüber hinaus. Sie kommt zu einer Zeit, in der der Kontinent vor vielen Herausforderungen steht. Afrika beherbergt die größte Gruppe von Entwicklungsländern der Welt, von denen 33 zu den am wenigsten entwickelten Ländern und 16 zu den Binnenentwicklungsländern gezählt werden.

Einleitung

Mit der Verabschiedung des Abkommens zur Errichtung der Afrikanischen Kontinentalen Freihandelszone (AfCFTA) im Mai 2018 wurde der regionalen Integration Afrikas ein neuer Impuls verliehen. Die AfCFTA verspricht, 1,4 Milliarden Menschen in 54 der 55 afrikanischen Länder (Eritrea nimmt nicht teil) miteinander zu verbinden, die einen Markt mit einem gemeinsamen Bruttoinlandsprodukt von 3,4 Billionen USD umfassen. Es sieht freien Waren-, Dienstleistungs- und Personenverkehr und kontinentale Regeln für Wettbewerb, Investitionen, geistiges Eigentum, digitalen Handel sowie Regeln für Frauen und Jugendliche vor.

Betrachtet man die jüngste Entwicklung des Handels in Afrika, so ist nach der Pandemie ein Aufschwung zu verzeichnen. Der Handel wuchs von 589 Milliarden USD im Jahr 2021 auf 689 Milliarden USD im Jahr 2022. Dieses zweistellige Wachstum lag über den Zuwächsen anderer Regionen in der Welt. Dennoch hat sich das Bild von der schwachen Beteiligung des Kontinents am Welthandel nicht geändert. Der Anteil Afrikas am Welthandel schwankte in den letzten zehn Jahren um die 3%, wie in Abbildung 1 dargestellt ist. Dieser wird von den Anteilen anderer Regionen weit überschattet.

Dieser geringe Anteil Afrikas am Welthandel wird dem Kontinent jedoch kaum gerecht. Afrika beherbergt 25 Prozent der Weltbevölkerung und stellt einen Verbrauchermarkt dar, der 2015 einen geschätzten Wert von 1,4 Billionen USD hatte und bis 2030 auf 2,5 Billionen USD anwachsen soll. In diesem Zusammenhang ist die AfCFTA Teil der Agenda 2063 der Afrikanischen Union, die die Zukunftsvision Afrikas beschreibt. Die AfCFTA wird daher als Chance für Afrika gesehen, die großen Entwicklungsherausforderungen zu bewältigen und sich durch den Handel sowohl regional als auch global besser zu integrieren.

Stand der AfCFTA-Verhandlungen

Seit dem historischen Inkrafttreten des Abkommens, mit dem die AfCFTA im Jahr 2019 ins Leben gerufen wurde, sind wichtige Fortschritte erzielt worden. Insgesamt 47 der 54 Vertragsstaaten haben das Abkommen bisher ratifiziert.

Für den Warenhandel wurde das ehrgeizige Ziel gesetzt, die Zölle für 97% des Handels zu liberalisieren. Die Vertragsstaaten haben entweder individuell oder als Teil einer regionalen Wirtschaftsgemeinschaft (REC) Zollangebote unterbreitet, in denen die Waren aufgeführt sind, die dem zollfreien Handel unterliegen. Die restlichen 3% machen sensible oder davon ausgeschlossene Waren aus.

Im Bereich des Dienstleistungsverkehrs sind die Verhandlungen in fünf vorrangigen Sektoren fortgeschritten, nämlich Unternehmens-, Kommunikations-, Finanz-, Tourismus- und Verkehrsdienstleistungen. Es wurden Dienstleistungsverzeichnisse erstellt, in denen der Marktzugang und inländische Erfordernisse in diesen Sektoren festgelegt werden. In künftigen Liberalisierungsrunden wird über weitere Sektoren verhandelt werden, wobei einige Länder bereits Angebote für nicht vorrangige Sektoren wie Gesundheits-, Bildungs- und Freizeitdienstleistungen unterbreitet haben.

Sowohl für Waren als auch für Dienstleistungen wurden und werden die vorgelegten Verpflichtungslisten technisch überprüft, um sicherzustellen, dass sie mit den Vereinbarungen übereinstimmen. Zur Erleichterung eines wirtschaftlich sinnvollen Handels mit Waren und Dienstleistungen im Rahmen der AfCFTA gibt es auch weitere Handelsinitiativen für Länder, die Unterstützung benötigen.

Für die sogenannte AfCFTA-Verhandlungsphase II wurden im Februar 2023 drei Protokolle mit gemeinsamen Regeln für geistiges Eigentum, Investitionen und Wettbewerb angenommen. Die Vertragsstaaten verhandeln nun weiter über zwei weitere Protokolle zu Frauen und Jugend bzw. zum digitalen Handel. Diese werden als entscheidend angesehen, um die Vorteile des AfCFTA voll auszuschöpfen, da Frauen und Jugendliche das Rückgrat des Privatsektors bilden und der digitale Handel ein sehr dynamischer Sektor ist, der jährlich um 40% wächst und bis 2025 voraussichtlich ein Volumen von über 300 Milliarden USD erreichen wird.

Parallel zum AfCFTA haben die Mitglieder der Afrikanischen Union auch Protokolle zur Förderung des freien Personenverkehrs und eines einheitlichen afrikanischen Luftverkehrsmarktes unterzeichnet, die die Mobilität der Menschen auf dem Kontinent erleichtern und den kommerziellen Luftverkehrsmarkt von verschiedenen Hindernissen befreien sollen, sobald diese in Kraft treten.

Erwartete Vorteile und Auswirkungen des AfCFTA

Historisch gesehen war die Zusammensetzung des afrikanischen Handels durch den Handel mit Primärgütern mit geringer Wertschöpfung gekennzeichnet. Obwohl es eine gewisse Diversifizierung des Handels gibt, zunehmend mit Asien und auch innerhalb des Kontinentes selbst, ist der Handel mit dem traditionellem Partner Europa immer noch sehr dominant. Wie aus Abbildung 2 hervorgeht, war die EU zwischen 2016 und 2022 im Durchschnitt das wichtigste Handelsziel Afrikas, auf das mehr als ein Viertel des Handels des Kontinents mit der Welt entfiel (28,6% der Ausfuhren und 26,9% der Einfuhren). Die afrikanischen Exporte und Importe nach und aus Österreich hatten im Durchschnitt einen Anteil von 0,3% am Gesamthandel.

Der zweite Platz ist eng zwischen dem Kontinent selbst und China umkämpft. Die innerafrikanischen Exporte machten 15,5% des afrikanischen Welthandelsanteils aus, dicht gefolgt von China (14,9 %) und Indien (6,8%). Die afrikanischen Einfuhren aus China machten 17,8% des Gesamthandels aus, verglichen mit 14%, 9,1% und 5% aus Afrika, Amerika und Indien. Der Handel mit der übrigen Welt machte im Zeitraum 2016-2022 im Durchschnitt fast ein Drittel der gesamten afrikanischen Ausfuhren (31,6%) und etwas mehr als ein Viertel der gesamten afrikanischen Einfuhren (26%) aus.

Bei näherer Betrachtung des Handels mit der EU zeigen sich deutliche Unterschiede in der Zusammensetzung der Ein- und Ausfuhrmuster des Kontinents. Wie aus Abbildung 3 hervorgeht, handelt es sich bei den afrikanischen Exporten in die EU in erster Linie um den Handel mit mineralischen Rohstoffen, d. h. Brennstoffen (46%), gefolgt von Industrieerzeugnissen (28%) und Nahrungsmitteln (14%), bei denen der Kontinent im Allgemeinen nur eine geringe Wertschöpfung erzielt. Betrachtet man dagegen die afrikanischen Importe aus der EU, so handelt es sich bei mehr als zwei Dritteln um Industrieerzeugnisse (67%), während verarbeitete Nahrungsmittel und Brennstoffe mit einem Anteil von jeweils 13% in den Hintergrund treten. Der innerafrikanische Handel zeigt dagegen ein anderes Bild. Innerhalb des Kontinents stehen Industrieerzeugnisse (45%) an erster Stelle, gefolgt von Brennstoffen (21%) und Nahrungsmitteln (20%).

Mit der AfCFTA werden sich diese Handelsmuster voraussichtlich ändern. Schätzungen zufolge wird der innerafrikanische Handel bis 2045 um 34% höher sein als ohne AfCFTA. Der Handel in Sektoren wie Agrar- und Ernährungswirtschaft, Dienstleistungen und Industrie wird um 49,1%, 37,9% bzw. 35,7% zunehmen. Der Anstieg in den Bereichen Energie und Bergbau wird mit 19,4% jedoch etwas geringer ausfallen. Mit der AfCFTA wird der Wert des innerafrikanischen Handels bis 2045 voraussichtlich um 577% steigen (gegenüber 405% in einem Szenario ohne AfCFTA). Dies würde zu einem Nettogewinn an innerafrikanischem Handelszuwachs von schätzungsweise 195 Mrd. USD führen, und der Anteil des innerafrikanischen Handels würde von heute 15% auf über 26 % im Jahr 2045 steigen.

Der innerafrikanische Handel mit Verkehrsdienstleistungen hat das Potenzial, um fast 50% zuzunehmen. Mehr als 25% der Zuwächse im innerafrikanischen Handel mit Dienstleistungen würden allein auf den Verkehr entfallen und Transportdienstleistungen würden bis zu 40% des Anstiegs der afrikanischen Dienstleistungsproduktion ausmachen. Im Jahr 2019 betrug die Nachfrage nach Lkws für den Transport von Massengütern 698.000. Ohne das AfCFTA und den Ausbau der Infrastruktur, wie ursprünglich geplant, würde diese Nachfrage nur auf 1,3 Millionen ansteigen verglichen mit einem Szenario mit vollem AfCFTA und Ausbau der Infrastruktur im Jahr 2045, bei dem die Nachfrage nach Lkw für Massengüter bis 2030 auf 1,9 Millionen ansteigen würde. Derzeit machen die Transportkosten in Afrika zwischen 15 und 20 % des Werts der Importe aus. Dies entspricht dem Doppelten oder sogar Dreifachen der Kosten in den Industrieländern.

Handels- und Investitionsmöglichkeiten in Afrika

Angesichts der geschätzten Gewinne und dynamischen Auswirkungen des AfCFTA ergeben sich durch die Handelsintegration Afrikas beträchtliche Chancen. Die erwartete Vergrößerung des Marktes wird die Markteffizienz fördern und Afrika zu einem attraktiveren Ziel für ausländische Investitionen und Handel machen.

Wie die Schätzungen für 2045 zeigen, besteht innerhalb der AfCFTA Spielraum für eine tiefere und dienstleistungsbasierte Industrialisierung. Es wird erwartet, dass dieser Handel zunehmend auch Zwischenprodukte für die Weiterverarbeitung innerhalb des Kontinents umfasst und so die regionalen Wertschöpfungsketten stärkt.

Im Gegensatz zu den weltweiten ausländischen Direktinvestitionen, die auf den Rohstoffsektor ausgerichtet sind, konzentrieren sich die innerafrikanischen Investitionen eher auf den Dienstleistungssektor, insbesondere auf das Versicherungswesen, den Bankensektor und die Telekommunikation. Das AfCFTA ist daher ein wichtiges Instrument zur Förderung des innerafrikanischen Handels und der Investitionen, insbesondere in den dynamischeren Sektoren. Die neue Handelsnachfrage durch das AfCFTA führt beispielsweise zu einem erhöhten Bedarf an Lastkraftwagen, Schienenfahrzeuge, Flugzeugen und Schiffen und damit zu einem Investitionspotenzial von 411 Milliarden USD. Insgesamt eröffnet das AfCFTA Chancen für (in- und ausländische) Unternehmen, die bereits auf dem Kontinent tätig sind, oder für diejenigen, die eine Produktionsstandort für den afrikanischen Markt errichten wollen.

Bestehende Herausforderungen und Bedenken im Zusammenhang mit dem AfCFTA

Obwohl sich die AfCFTA in einem frühen Stadium befindet, gibt es einige wichtige Herausforderungen und Bedenken. Diese reichen von den zahlreichen und sich überschneidenden REC-Mitgliedschaften, (siehe Tabelle 1) über die Kosten der Handelsanpassung, die Koexistenz mit anderen Handelsabkommen und früheren Verpflichtungen bis hin zur Fähigkeit der Länder, die verschiedenen Protokolle rechtzeitig in nationales Recht, Politik und Gesetzgebung umzusetzen.

Eine wichtige Frage dabei ist, wie das AfCFTA mit anderen Abkommen und Verpflichtungen koexistieren können wird, die bereits bestehen oder mit anderen Regionen, wie der EU und China, derzeit ausgehandelt werden. Mit der EU haben einige Länder bereits Wirtschaftspartnerschaftsabkommen geschlossen (siehe Tabelle 1). Das AfCFTA-Abkommen wird die Länder dazu zwingen, diese Abkommen im Lichte der neu hinzugekommenen Verpflichtungen zu überarbeiten.

Es wird erwartet, dass das AfCFTA-Abkommen dazu beitragen wird, die derzeitige Handelsabhängigkeit Afrikas bei Primärgütern von seinen externen Partnern, einschließlich der EU und China, zu verringern, insbesondere im Hinblick auf industrielle Einfuhren, was letztendlich dazu beitragen könnte, die Handelsdefizite der afrikanischen Länder gegenüber ihren externen Partnern zu verringern. Dies ist eine Chance für eine Verlagerung hin zu mehr Wertschöpfung und Zwischenhandelsstrukturen, von der Afrika und seine Handelspartner außerhalb des Kontinents profitieren können.

Ein Blick in die Zukunft

Das AfCFTA-Abkommen bietet beispiellose Möglichkeiten für Afrikas Transformation, Wettbewerbsfähigkeit und Entwicklung. Auch wenn sich Aspekte der AfCFTA-Verhandlungen noch entwickeln, ist es wichtig, den Umsetzungsprozess des Abkommens zu überwachen und zu unterstützen. Die wirksame Umsetzung der AfCFTA erfordert gemeinsame Anstrengungen und verschiedene Partnerschaften auf globaler und regionaler Ebene, die Afrika und seinen Geschäftspartnern helfen könnten, die erwarteten Vorteile und Chancen dieser Megaregion zu nutzen.


Autorin:

Laura Páez ist derzeit Gastwissenschaftlerin am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw). Sie ist eine internationale Entwicklungsexpertin mit mehr als zwanzig Jahren Berufserfahrung. Aktuell ist sie bei der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Afrika (ECA) tätig, wo sie die Abteilung für Marktinstitutionen leitet. Zuvor war sie Leiterin der Abteilung für Investitionspolitik bei der ECA. Ihre derzeitige Arbeit konzentriert sich auf die Gewinnung von Wissen über die regulatorischen und politischen Dimensionen in den Bereichen Investitionen, Wettbewerb, geistiges Eigentum, Dienstleistungen und Digitalisierung in Afrika, um regionale Integrationsprozesse wie die Afrikanische Kontinentale Freihandelszone zu unterstützen.

Vor ihrer jetzigen Tätigkeit bei der ECA arbeitete Laura Páez bei der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung in Genf an Fragen der wirtschaftlichen Entwicklung Afrikas im Rahmen der Handels- und Entwicklungsagenda des Kontinents.

Die Graphiken wurden von Alireza Sabouniha erstellt. Alireza Sabouniha ist Research Assistant am wiiw und hat kürzlich sein Masterstudium in Volkswirtschaft an der WU Wien abgeschlossen.

Call for Proposals: Meta-Studie zur Handelsabhängigkeit Europas und Österreichs von China

Die Abteilung V/7 „Handels- sowie wettbewerbspolitische Analysen und Strategien“ des Bundesministeriums für Arbeit und Wirtschaft lädt zur Übermittlung von Proposals für eine Meta-Studie zur Handelsabhängigkeit von China:

Leistungsgegenstand: Meta-Studie zur Handelsabhängigkeit Europas und Österreichs von China

Deadline für Einreichungen: 6. Oktober 2023

Kontakt: POST.V7_22@bmaw.gv.at

Beilage: Call for Proposals

Für inhaltliche Fragen zu dieser Studienausschreibung wenden Sie sich bitte direkt an die angegebene Kontaktadresse des BMAW.

FIW-Spotlight: Die aktuellen handelspolitischen Beziehungen der EU mit der Kaukasusregion im Lichte des Ukrainekriegs

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat auch verstärkt die Kaukasusregion ins Licht der europäischen und österreichischen Öffentlichkeit gerückt.

Dieses Spotlight befasst sich mit den Handelsbeziehungen der Kaukasusregion mit der EU und Österreich, sowie deren wichtiger Bedeutung für die Region und trotz dieser unterschiedlichen Intensität deren politischen Beziehungen mit der EU. So ist Georgien im Rahmen eines vertieften und umfassenden Freihandelsabkommens (DCFTA) – genauso wie Moldawien und die Ukraine – das Land mit den umfangreichsten wirtschaftlichen Verflechtungen mit der EU, gefolgt von Armeniens umfassendem und erweitertem Partnerschaftsabkommen (CEPA), während Aserbaidschans Handelsbeziehungen mit der EU immer noch durch ein Partnerschafts- und Kooperationsabkommen (PCA) geregelt werden.

Die Region im Überblick

Die Kaukasusregion umfasst die drei Staaten Armenien, Aserbaidschan und Georgien. In Punkto Fläche und Bevölkerungszahl ist diese Region mit den sechs Westbalkanstaaten (WB6), Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien, vergleichbar. In den drei Kaukasusstaaten leben 16,6 Millionen Menschen auf einer Fläche von 186 Tausend km², während in den WB6 17,7 Millionen Einwohner auf einer Fläche von 204,5 Tausend km² leben (WDI, Eurostat). Aserbaidschan ist etwas größer als Serbien, Armenien ist von der Größe her vergleichbar mit Albanien und Georgien ist etwas größer als Bosnien und Herzegowina und Montenegro. Was das Pro-Kopf-BIP (in KKP) anbelangt, so ist das georgische BIP mit dem Bosnien und Herzegowinas vergleichbar, das Armeniens mit dem Albaniens. Aserbaidschan hat das niedrigste Pro-Kopf-BIP der drei Kaukasusstaaten (Abbildung A).

Die innenpolitische Lage in den drei Ländern ist sehr heterogen. Aserbaidschan schneidet bei Korruption und Pressefreiheit mit Abstand am schlechtesten ab. So rangiert Aserbaidschan im Corruption Perception Index (CPI) auf Platz 157 und im Press Freedom Index der NGO Reporter ohne Grenzen auf Platz 151. Armenien liegt im CPI auf Platz 63 und Georgien auf Platz 41. Im Press Freedom Index liegt hingegen Armenien (Platz 49) vor Georgien (Platz 77). Um einen Vergleich zu den Staaten Mittel- und Südosteuropas zu ziehen, Montenegro rangiert im CPI auf Platz 65, während Rumänien bei der Pressefreiheit auf Platz 53 und Ungarn auf Platz 72 liegen.

Handelsbeziehungen

Der Anteil der Warenexporte am regionalen BIP lag 2022 bei 38 %, während die Importe 29 % ausmachten. Die Exporte der Region werden von Aserbaidschan dominiert, auf welches zuletzt (2022) 80 % entfielen, gefolgt von Georgien (11 %) und Armenien (9 %). Dies ist auf den fossilen Rohstoffreichtum Aserbaidschans und den daraus resultierenden Exporten zurückzuführen. Der Anteil der Importe ist ausgewogener; 41 % der Importe entfielen auf Aserbaidschan, 35 % auf Armenien und 24 % auf Georgien.

Die wichtigsten Handelspartner für die Region sind die EU, Russland und die Türkei (Abbildung B). Auf diese drei Partner entfielen im Jahr 2022, gemessen am Anteil am Gesamtvolumen, 74 % der Ex- und 54 % der Importe der Region. Die EU ist der führende Exportpartner. 57 % aller Ausfuhren gingen 2022 in die EU. Der deutliche Anstieg der Exporte in die EU in den Jahren 2021 und 2022, wurde von den hohen Energiepreisen und der Energielastigkeit der Exporte der Kaukasusregion in die EU getragen. Als Importpartner wurde die EU im letzten Jahr von Russland knapp, mit nur einem Prozentpunkt, überholt. Im Allgemeinen hat der Ukrainekrieg bisher nicht zu großen Verschiebungen im Handelsgefüge mit Drittstaaten geführt. Die Bedeutung der Region für die EU als Handelspartner ist, wenig überraschend, deutlich geringer. So entfielen im Jahr 2022 1,1 % aller EU-Einfuhren und 0,28 % aller EU-Ausfuhren, auf die Region, während auf die WB6 1,2 % der EU-Importe und 1,9 % der EU-Exporte entfielen.

Bei den Exporten in die EU dominieren eindeutig Öl und Gas, auf welches im Jahr 2022 94 % aller kaukasischen Exporte in die EU entfielen, was die übrigen Sektoren bei weitem in den Schatten stellt (Abbildung C). Die EU-Exporte in die Region sind hingegen, sowohl in Bezug auf die Sektoren als auch die drei Bestimmungsländer weit stärker diversifiziert. Die Sachgütererzeugung ist hierbei der wichtigste Sektor. Alleine 41 % der EU-Ausfuhren entfielen auf Maschinen und Fahrzeuge.

Handelsbeziehungen mit Österreich

Für Österreich ist der Anteil der Kaukasusstaaten an den österreichischen Ex- und Importen (ohne Intra-EU-Handel) im Vergleich zur EU noch geringer. So betrug der Anteil der Importe an den Nicht-EU-Importen 0,08 % und an den Exporten nur 0,003 %. Unabhängig davon, ist diese Region eine Schwerpunktregion der österreichischen Außenpolitik. Österreich hat für alle drei Länder eigene diplomatische Vertretungen, wenngleich Österreichs Botschafter für Armenien in Wien sitzt. Die Region ist auch eine Schwerpunktregion der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit. Zwei der acht Schwerpunktregionen der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit liegen in der Kaukasusregion (Armenien und Georgien), in der auch die Austrian Development Agency (ADA) Büros unterhält.

Die wichtigsten österreichischen Importe aus den Kaukasusstaaten sind ebenso Brennstoffe und Energie, welche entsprechend von Aserbaidschan dominiert werden. Die wichtigsten österreichischen Exporte sind Sachgüter wie Maschinen und Fahrzeuge, bearbeitete Waren sowie Lebensmittel („Ernährung“). Österreich Handelsbilanz mit der Region ist positiv. Im Jahr 2022 wurden Waren im Wert von 62,6 Millionen Euro importiert und im Wert von 154,3 Millionen Euro exportiert.

Energieversorgung

Die Kaukasusregion ist für die EU eine wichtige Transitroute für Öl und Gas und ein bedeutender Lieferant fossiler Brennstoffe. Der Transport aserbaidschanischen Gases erfolgt über die Südkaukasus-Pipeline via Georgien in die Türkei, von wo es dann über die Transanatolische Pipeline (TANAP) auf die europäischen Märkte gelangt. Im Zuge der Versuche Russlands, Gaslieferungen als geopolitische Waffe zu instrumentalisieren, war seit dem Beginn des Ukrainekrieges, eine schnelle Diversifizierung der Gaslieferungen ein wichtiges Ziel der Europäischen Kommission.

Aserbaidschan war in Q1 2023 der neuntwichtigste Öllieferant (welches einfacher zu substituieren ist als Gas) der EU, aber der fünftwichtigste Gaslieferant in Q1 2023 (Abbildung E). Was Abbildung E ebenso verdeutlicht, ist die Diversifizierung weg von russischem Gas. So fiel der Anteil russischen Erdgases an den EU-Erdgasimporten von fast 39 % im Q1 2022 auf 17,4 % im Q1 2023. Als Teil dieser Diversifizierungsstrategie unterzeichnete die EU mit Aserbaidschan am 18. Juli 2022 eine neue Absichtserklärung bezüglich einer strategischen Partnerschaft im Energiebereich. Als Teil dieser Diversifizierungsstrategie unterzeichnete die EU mit Aserbaidschan am 18. Juli 2022 eine neue Absichtserklärung bezüglich einer strategischen Partnerschaft im Energiebereich.[1] Obwohl dies ein nachvollziehbarer Schritt ist, um die Gasversorgung der EU zu diversifizieren, hat die verstärkte Zusammenarbeit mit Aserbaidschan (ähnlich wie jene mit Katar) der Europäischen Kommission auch Kritik eingebracht, weil sie hier, trotz der düsteren Bilanz Aserbaidschans in Bezug auf Menschenrechte und Grundfreiheiten, Geopolitik über die Wahrung europäischer Werte stellt.[2]

Eine konfliktreiche Region

Die Bedeutung der Region für die EU und Österreich ist allgemein weniger wirtschaftlicher denn politischer Natur. Alle drei Länder sind in ungelösten Konflikten mit einem ihrer Nachbarn. Armenien und Aserbaidschan im Bergkarabachkonflikt und Georgien mit Russland bez. Abchasien und Südossetien, welche von Russland faktisch kontrolliert werden.

Der Bergkarabachkonflikt war der blutigste Konflikt, der unmittelbar nach dem Zerfall des Sowjetimperiums ausbrach und zu zwei großen Kriegen, in den Jahren 1992-1994 und 2020, führte. Im ersten Krieg hatten armenische Streitkräfte die überwiegend ethnisch armenische Region Bergkarabach und die umliegenden Gebiete, die völkerrechtlich als Teil Aserbaidschans anerkannt sind, erobert, während Aserbaidschan im zweiten Krieg 2020, die umliegenden Gebiete und etwa ein Drittel von Bergkarabach wieder zurückerobern konnte.

Eine indirekte Konsequenz des Ukrainekriegs ist die gestärkte Rolle der EU als Konfliktmoderatorin, welche letztes Jahr 2022 deutlich zunahm. Während die EU in Georgien mit ihrer EU-Beobachtungsmission (EUMM) schon länger präsent ist, allerdings nicht in Abchasien und Südossetien selbst, da Russland der EUMM hierzu keinen Zugang gewährt, war sie bis vor kurzem im Bergkarabachkonflikt gezwungen, nur Zuseherin zu sein. Die Rückeroberungen Aserbaidschans im Jahr 2020 und das erneute Aufflammen des Konflikts haben allerdings seitdem Armenien sowohl innen- als auch außenpolitisch zunehmend unter Druck gesetzt, auch aufgrund des Unwillens oder der Unfähigkeit Russlands, Armenien zu unterstützen. Dies hat die Rolle der EU als Mediatorin in diesem Konflikt gestärkt, was sich unter anderem in. der Einladung von Armenien Herbst 2022 eine zivile EU-Beobachtungsmission in Armenien (EUMA) einzurichten, sowie den ebenso seit Herbst 2022 in mehreren Runden stattgefundenen Friedensverhandlungen unter dem Vorsitz der EU, manifestiert hat.

Die unterschiedliche Tiefe der politischen Beziehungen zur EU spiegelt auch die unterschiedlichen Ambitionen dieser drei Staaten in Bezug auf eine weitere europäische Integration wider, wobei Georgien mit seinem Beitrittsgesuch eindeutig die Führungsrolle übernimmt. Georgien hat als Teil seines Assoziierungsabkommens ein vertieftes und umfassenden Freihandelsabkommen (DCFTA) unterzeichnet, welches seit 2016 in Kraft ist. Armenien hat sein ursprüngliches Partnerschafts- und Kooperationsabkommen (PCA) zu einem umfassenden und erweiterten Partnerschaftsabkommen (CEPA) aufgewertet, welches seit 2021 in Kraft ist, während die Handelsbeziehungen Aserbaidschans mit der EU immer noch durch ein PCA aus dem Jahre 1999 geregelt werden. Ein ähnliches Muster lässt sich auch bei der Mitgliedschaft in der Energy Community beobachten, einer internationalen Organisation mit Sitz in Wien, welche die Europäische Union und ihre Nachbarn zusammenbringt, um einen integrierten paneuropäischen Energiemarkt zu schaffen.[3] Während Georgien, wie die WB6-Staaten, Vertragspartei ist, hat Armenien Beobachterstatus und Aserbaidschan ist überhaupt nicht assoziiert. Der Krieg in der Ukraine hat allerdings die Dynamik seitdem völlig geändert. So wurden der Ukraine und der Republik Moldau der Beitrittskandidatenstatus zuerkannt, vor Ausbruch des Kriegs noch politisch undenkbar. Georgien hat ebenfalls einen Antrag gestellt hat, welcher Georgien jedoch erst nach dem Erzielen von Reformfortschritten unter Anderem in Bereichen wie Justiz, Korruptionsbekämpfung und der Bekämpfung der organisierten Kriminalität verliehen werden soll. Die Zuerkennung des Kandidatenstatus ist jedenfalls in politischer Hinsicht bedeutsam, da die frühere wirtschaftliche und politische Integration der EU-Nachbarstaaten, außerhalb des Westbalkans, von einer Anwendung der Erweiterungsmethodologie ohne tatsächliche Aussicht auf einen EU-Beitritt gekennzeichnet war.

Conclusio

Die EU ist der mit Abstand wichtigste Handelspartner der Kaukasusregion, woran auch der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine nichts geändert hat. Während die Exporte in die EU von Energieträgern dominiert werden, handelt es sich bei den Importen insbesondere um Sachgüter. Österreichs Handel mit der Region zeigt ein vergleichbares Bild, mit den wesentlichen Unterschieden, dass die Handelsbilanz positiv und der Rohstoffanteil an den Importen geringer ist. Die Rolle der EU als wichtigster Handelspartner konnte sich nicht in vertieften politischen Beziehungen, wie die unterschiedlichen Handelsabkommen (EU-Georgien DCFTA, EU-Armenien CEPA und EU-Aserbaidschan PCA) oder der Mitgliedschaft in der Energy Community illustrieren, manifestieren. Erst Russlands Krieg gegen die Ukraine, hat zu einer stärkeren Rolle der EU in der Region geführt. Aus europäischer Sicht ist die Bedeutung der Region insbesondere geopolitischer Natur, aufgrund ihrer Lage in der südöstlichen Nachbarschaft der EU, als Tor nach Zentralasien und kurz- und mittelfristig als Lieferant und Transitroute für Energieträger.

[1] https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/en/IP_22_4550

[2] Caprile, A. & Przetacznik, J (2023) Armenia and Azerbaijan: Between war and peace. EPRS.

[3] Energy Community, Who we are, https://www.energy-community.org/aboutus/whoweare.html

Autor:

Bernhard Moshammer ist Ökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw). Sein Forschungsschwerpunkt ist Europäische Wirtschaftspolitik. Zuvor war er im österreichischen Bundeskanzleramt für EU-Angelegenheiten, uA. für den österreichischen EU-Ratsvorsitz tätig. Er hat ein Diplomstudium in Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität Wien absolviert und einen M.A. in European Interdisciplinary Studies vom College of Europe, Natolin Campus in Warschau, Polen.

Die Graphiken wurden von Alireza Sabouniha erstellt. Alireza Sabouniha ist Research Assistant am wiiw und absolviert derzeit sein Masterstudium in Volkswirtschaft an der WU Wien.

FIW-Spotlight: Das riskante geldpolitische Experiment der Türkei

Die türkische Wirtschaft hatte in den letzten Jahren mit einer rasanten Abwertung der Lira und einem starken Anstieg der Inflation zu kämpfen. Dies mag zwar den Schwierigkeiten der Schwellenländer in den 1990er Jahren ähneln und spiegelt zum Teil auch den Inflationsdruck wider, unter dem ganz Europa derzeit leidet, doch die zugrundeliegenden Mechanismen sind andere und größtenteils selbstverschuldet. Die jüngste wirtschaftliche Situation in der Türkei, dem sechstgrößten Handelspartner der EU mit einem Anteil von 3,3%, führt uns die Folgen einer falschen Geldpolitik eindringlich vor Augen.

Die Europäische Union bleibt trotz eines rückläufigen Trends in den letzten Jahren der größte Export- und Importpartner der Türkei (Abbildung 1). Zwischen 2018 und 2022 sank der Anteil der türkischen Exporte in die EU von 43,1 % auf 40,5 %, während der Anteil der Importe von 33,3 % auf 25,6 % zurückging. Österreich hat einen geringeren Anteil am Gesamthandel der Türkei: Der Exportanteil der Türkei nach Österreich blieb in den letzten Jahren relativ stabil bei rund 0,7 %, der Importanteil sank jedoch von 0,7 % im Jahr 2018 auf 0,5 % im Jahr 2022. Aus europäischer Sicht ist die Türkei mit 3,3 % der sechstwichtigste Handelspartner der EU. Der Anteil der Türkei am österreichischen Handel beträgt rund 0,7 % (inkl. Intra-EU-Handel).

In den letzten zehn Jahren sah sich die Türkei mit einer Reihe von Herausforderungen konfrontiert, darunter instabile Wachstumsraten, eine erhebliche Währungsabwertung und ein Anstieg der Inflation (Abbildung 2). In den letzten Jahren haben sich diese Probleme verschlimmert, was zum Teil auf externe Faktoren wie die COVID-19-Pandemie und den Krieg in der Ukraine zurückzuführen ist. Dies führte zu einem sehr unausgewogenen Wachstumsmuster und einer erheblichen Anhäufung potenzieller Risiken innerhalb des Wirtschaftssystems. Die unkonventionelle türkische Geldpolitik, die durch niedrige Zinssätze und eine starke Abhängigkeit von Krediten gekennzeichnet ist, hat wesentlich zur Verschärfung dieser Probleme beigetragen. Da sich Präsident Erdogan nun eine weitere Amtszeit gesichert hat, sind die Sorgen über die Ausrichtung der Geldpolitik größer denn je und stellen die künftige Stabilität der türkischen Wirtschaft in Frage.

Dabei ist es jedoch wichtig darauf hinzuweisen, dass die wirtschaftliche Situation nicht immer so war. In den ersten zehn Jahren der Regierungszeit von Präsident Erdogan galten sowohl er als auch die AKP weithin als fähig, konservativ und umsichtig in ihrem wirtschaftspolitischen Ansatz. Doch ab Mitte der 2010er Jahre sah sich die Türkei mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert. Das politische Risiko nahm zu, etwa durch die Gezi-Park-Proteste im Jahr 2013 und dem Putschversuch im Jahr 2016. Zum Teil als Reaktion darauf begann die Regierung, die Kapazitäten und die Unabhängigkeit der staatlichen Institutionen zu untergraben. 

Um dem wirtschaftlichen Abschwung in diesem Zeitraum entgegenzuwirken, ergriff die Regierung Maßnahmen wie umfangreiche Infrastrukturinvestitionen und niedrige Zinssätze, um die Kreditaufnahme im Inland zu fördern (Abbildung 3). Es entstand der Eindruck, dass die Zentralbank gezwungen war, die Zinssätze niedrig zu halten. Diese Maßnahmen führten jedoch zu steigender Inlandsnachfrage und Importen und somit zu erheblichen Handelsbilanzdefiziten. Das wiederum bedingte eine höhere ausländische Verschuldung und führte zu einer raschen Abwertung der Lira und einem Vertrauensverlust in die Geldpolitik, der durch längere Phasen negativer realer Zinssätze und zunehmendem Inflationsdruck ausgelöst wurde.

Das geldpolitische Experiment der Türkei als Heilmittel gegen Wachstumsverlangsamung und steigende Inflation

Die Unabhängigkeit der Zentralbank in der Türkei wurde in den letzten Jahren immer weiter zurückgenommen. Das Vorgehen von Präsident Erdogan zeigt, dass er nicht zögert, Zentralbanker und Finanzminister zu entlassen, wenn sie nicht seinen Wünschen entsprechen. Seit 2020 wurden drei Beamte ohne eine klare Erklärung aus ihren Ämtern entlassen, was zu Spekulationen führte, dass ihre Weigerung, die Zinssätze weiter zu senken, der Hauptgrund für die Entlassung gewesen sein könnte.[1] Präsident Erdogan ist der Ansicht, dass höhere Zinssätze die Ursache für steigende Preise sind, nicht aber ein Mittel dagegen. Er argumentiert, dass niedrige Zinsen die Verbraucherausgaben, die Investitionen der Unternehmen und die Schaffung von Arbeitsplätzen fördern werden. Er behauptet auch, dass eine schwächere türkische Lira gegenüber dem US-Dollar die Exporte erschwinglicher machen würde, was zu einer erhöhten Nachfrage seitens ausländischer Verbraucher führen würde.

An diesen Argumenten ist etwas Wahres dran. Die schwächere Lira scheint dem Exportwachstum in den letzten Jahren tatsächlich geholfen zu haben. Und die billigen Kredite haben sicherlich die Verbraucherausgaben gestützt. Doch diese Politik hat erhebliche Konsequenzen. Die Türkei ist in hohem Maße von Einfuhren wie Kraftstoff, Gas, Medikamenten, Düngemitteln und anderen Rohstoffen abhängig. Wenn der Wert der Lira sinkt, steigen die Kosten für den Kauf dieser importierten Waren. Darüber hinaus hat die unkonventionelle Geldpolitik von Präsident Erdogan bei ausländischen Investoren, die zuvor bereit waren, türkischen Unternehmen erhebliche Geldbeträge zu leihen, Bedenken geweckt. Darüber hinaus wird durch die Einführung des Lira-Sparplans „KKM“, einer staatlich unterstützten, währungsgesicherten Einlage, das Risiko von Wechselkursschwankungen auf den öffentlichen Sektor übertragen, was zu erheblichen Eventualverbindlichkeiten führt und ein Risiko für die inländische Finanzstabilität darstellt.

Anfang 2022, als die Zentralbanken in Europa und den Vereinigten Staaten begannen, ihre Geldpolitik zu straffen und die Zinssätze zu erhöhen, um die Inflation zu bekämpfen, begann die türkische Zentralbank, ihre Zinssätze zu senken. Diese unkonventionelle Strategie hat zu einer starken Abwertung der Lira und zu immer höheren Inflationsraten geführt, wobei die jährliche Inflationsrate im Oktober 2022 mit über 85 % ein 24-Jahreshoch erreichte. Viele Analysten glauben, dass die tatsächliche Inflationsrate auf der Straße noch höher ist, als die offiziellen Zahlen vermuten lassen.[2]

Um den Auswirkungen der steigenden Inflation zu begegnen, hat die türkische Regierung mehrere Maßnahmen ergriffen. Das sind vor allem die Anhebung des Mindestlohns und der Löhne im öffentlichen Dienst um 55 % bzw. 45 %. Neben der Einführung des KKM-Systems hat die Regierung auch strenge Vorschriften für Fremdwährungstransaktionen von Unternehmen durchgesetzt. Die Wirksamkeit dieser Maßnahmen scheint jedoch begrenzt zu sein. Im April 2023 lag die jährliche Inflationsrate der Türkei bei 43,7 %, was aufgrund von Basiseffekten einen Abwärtstrend darstellt, aber im Vergleich zu anderen Ländern immer noch sehr hoch ist.
Steigende Inflationsraten in der Türkei, zusammen mit einem Anstieg der Importpreise und Produktionskosten, stellen Haushalte und Unternehmen gleichermaßen vor große Schwierigkeiten. Haushalte mit niedrigem Einkommen können sich die Grundbedürfnisse kaum noch leisten, da die Preise in die Höhe schießen, während es für Unternehmen aufgrund unvorhersehbarer Erträge und steigender Kosten schwierig ist, zu planen und in neue Projekte zu investieren. In der Türkei wird die Inflation, wie in jedem anderen Land auch, von Faktoren beeinflusst, die sowohl mit der Nachfrage als auch mit den Kosten zusammenhängen. Daher würde eine Anhebung der Zinssätze allein das Problem nicht lösen, da auch Kostenfaktoren wie die höheren Energiepreise zu berücksichtigen sind. Dennoch ist klar, dass solange die Realzinsen tief im negativen Bereich liegen, die Lira abwerten, die importierte Inflation ansteigen und die Wirtschaft leiden wird.

Wie sieht die Zukunft aus?

Da sich Präsident Erdogan nun eine weitere Amtszeit gesichert hat, ist eine unmittelbare Änderung der Geldpolitik nach den Wahlen unwahrscheinlich. In Anbetracht der Tatsache, dass Präsident Erdogan in der Vergangenheit immer wieder seine Politik geändert hat, und angesichts des Drucks, den die schwächelnde Lira und die hohe Inflation auf die Wirtschaft ausüben, ist ein Kurswechsel zumindest jedoch möglich. Sollte die Zentralbank die Zinssätze anheben, wäre dies nicht das erste Mal, dass sie ihren Kurs abrupt ändert, da ähnliches 2018 und 2020 geschah. Der Zeitpunkt einer etwaigen Kehrtwende wird von den wirtschaftlichen Folgen der derzeitigen Politik abhängen. Wenn die Lira weiter fällt, werden die Eventualverbindlichkeiten des Staates im Zusammenhang mit dem KKM und anderen potenziellen Risiken eskalieren. Daher scheint es plausibel anzunehmen, dass Anpassungen vorgenommen werden können.

Eine genaue Bewertung der Nachfrage- und Kostenfaktoren ist nach wie vor von entscheidender Bedeutung für die wirksame Steuerung der Inflation und den Einsatz der Zinspolitik in der Türkei. Eine Änderung des geldpolitischen Kurses hin zu einer eher orthodoxen Politik, die auf geringe positive Realzinsen abzielt, würde zwar nicht alle wirtschaftlichen Probleme der Türkei lösen, aber sicherlich die makroökonomische Stabilität verbessern und die Grundlage für eine stabilere Wachstumsrate schaffen. Aber trotzdem hat sich die Wirtschaft als bemerkenswert widerstandsfähig erwiesen. Wenn weiterhin ausländische Gelder zur Deckung des hohen Leistungsbilanzdefizits fließen, ist es wahrscheinlich, dass das Jahr 2023 mit einer Wachstumsrate von etwa 2,6 % und einer Inflationsrate zwischen 40 und 50 % endet, was den Druck auf den Wechselkurs im Laufe des Jahres allmählich verringern wird.

[1] Siehe Reuters (2021), Factbox: Revolving door: Turkey’s last four central bank chiefs, available at https://www.reuters.com/world/middle-east/revolving-door-turkeys-last-four-central-bank-chiefs-2021-10-08/ und CNBC (2021), Turkey’s Erdogan names Nebati as new finance minister as lira skids, verfügbar unter https://www.cnbc.com/2021/12/02/turkeys-erdogan-names-nebati-as-new-finance-minister-as-lira-skids.html.
[2] Siehe DW (2022), Inflation in Turkey: Researcher won’t hide the figures Erdogan doesn’t want to see, available at https://www.france24.com/en/asia-pacific/20220622-inflation-in-turkey-researcher-won-t-hide-the-figures-erdogan-doesn-t-want-to-see, und Euronews (2022), Soaring inflation and a collapsing currency: Why is Turkey’s economy in such a mess?, verfügbar unter https://www.euronews.com/2022/11/09/everything-is-overheating-why-is-turkeys-economy-in-such-a-mess.

Autor:innen:

Meryem Gökten ist Ökonomin am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) und Länderexpertin für die Türkei. Ihre Forschungsschwerpunkte sind makroökonomische Analysen, Fiskal- und Geldpolitik. Zuvor arbeitete sie Ökonomin in der Abteilung Finanzmärkte und Institutionen am Centre for European Policy Studies (CEPS) und als Beraterin in der Abteilung Länder- und Finanzsektoranalyse der Europäischen Investitionsbank (EIB). Meryem Gökten hat einen Master-Abschluss in Volkswirtschaft der Universität Freiburg und einen Bachelor-Abschluss der Universität Heidelberg.

Richard Grieveson ist stellvertretender Direktor am wiiw und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Diplomatischen Akademie Wien. Er ist auf die Volkswirtschaften Mittel-, Ost- und Südosteuropas spezialisiert, mit besonderem Schwerpunkt auf der Türkei und dem Westbalkan. Zuvor arbeitete er als Direktor im Emerging Europe Sovereigns Team bei Fitch Ratings und als Regional Manager im Europa-Team der Economist Intelligence Unit.Er verfügt über Abschlüsse der Universitäten Cambridge, Wien und Birkbeck.

Die Graphiken wurden von Alireza Sabouniha erstellt. Alireza Sabouniha ist Research Assistant am wiiw und absolviert derzeit sein Masterstudium in Volkswirtschaft an der WU Wien.

Rohstoffpreise im Spannungsfeld zwischen geldpolitischer Straffung und dem Ukraine-Krieg

Die globale Inflationsdynamik in den letzten Jahren spiegelt zum großen Teil die großen Schwankungen der Rohstoffpreise wider. Diese Schwankungen wurden im Wesentlichen durch die zwei aufeinanderfolgenden Schocks ausgelöst: die COVID-19-Pandemie und den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Während die Pandemie zunächst einen Rückgang der Rohstoffpreise bewirkte, sorgten das Ende der Pandemie und der Krieg zunächst für einen rasanten Anstieg. Trotz der Stabilisierung in den letzten Monaten liegen sie zum Teil nach wie vor deutlich über dem langjährigen Durchschnitt.

Die Verhängung strikter Mobilitätsbeschränkungen im Zuge der COVID-19-Pandemie hatte zunächst einen deutlichen Rückgang der Rohstoffpreise zur Folge. In den ersten drei Monaten von 2020 sind beispielsweise die Preise für Metalle und Mineralien um 16% und diejenigen für Energie gar um das nahezu Dreifache gesunken, während die Preise für Nahrungsmittel weitgehend konstant blieben (Abbildung 1). Der rasante Einbruch vor allem der Erdölpreise war auch dadurch bedingt, dass sich die führenden Produzenten Saudi-Arabien und Russland zunächst nicht auf eine Kürzung der Lieferungen einigen konnten. Nach dem erreichten Tiefstand im April 2020 haben sich die Rohstoffpreise im Zuge der allmählichen Lockerung von COVID-19-Maßnahmen und der globalen Konjunkturbelebung wieder erholt.

Russland und die Ukraine wichtig für globale Energie- und Agrarmärkte

Der im Februar 2022 begonnene Krieg Russlands gegen die Ukraine hat den globalen Rohstoffpreisen einen weiteren Schub gegeben. Die westlichen Sanktionen gegen die führenden russischen Ölunternehmen und die Ankündigung eines für Dezember 2022 angepeilten EU-Importembargos für russisches Öl hatten zunächst einen deutlichen Anstieg der Ölpreise zur Folge. Gegen Mitte Juni 2022 kletterte etwa der Preis von Brent auf 122 $ pro Fass und lag damit um 54% höher als am Anfang des Jahres. Außerdem trieb die Kürzung von Gaslieferungen durch Russland die europäischen Gaspreise in die Höhe. Im Jahresdurchschnitt von 2022 sanken die Pipeline-Gasimporte in die EU aus Russland um 55% und betrugen gegen Jahresende nur noch ein Fünftel des Vorjahresniveaus (McWilliams, Sgaravatti und Zachmann, 2021).[1] Der Großhandelspreis für Gas in der EU erreichte Ende August 2022 mit über 300 € pro MWh seinen historischen Höchststand und war im Durchschnitt des dritten Quartals 2022 fast 3,5 mal so hoch wie vor einem Jahr (European Commission, 2023).

Auch die Preise für mehrere wichtige Agrarwaren, wie Weizen, Mais und Zucker, zogen zunächst deutlich an. Der Börsenpreis von Weizen in den USA stieg beispielsweise zwischen Anfang Jänner 2022 und Mitte Mai 2022 um 57% (auf US-Dollar-Basis). Russland und die Ukraine waren historisch gesehen wichtige Getreideproduzenten und etwa für ein Drittel der globalen Getreideexporte vor dem Krieg verantwortlich. Die landwirtschaftliche Produktion in den vom Krieg schwer betroffenen ukrainischen Gebieten hat aber stark gelitten. Zusätzlich fielen die meisten Meereshäfen des Landes, über die ein Großteil der Agrarexporte abgewickelt wurde, für mehrere Monate nahezu aus.

Ausblick mit vielen Risiken behaftet

Mittlerweile haben sich die Rohstoffpreise wieder stabilisiert bzw. sind sogar zurückgegangen(Abbildung 1). Einerseits war dafür die Abkühlung der globalen Konjunktur im Zuge der geldpolitischen Straffung ausschlaggebend, was vor allem die Entwicklung der Preise für Metalle und Mineralien beeinträchtigte. Andererseits haben dazu auch die neu verhängten Sanktionen gegen russisches Erdöl – das weitgehende Importembargo in die EU und die Einführung von Preisobergrenzen für Lieferungen in Drittländer (seit Dezember 2022 für Rohöl und seit Februar 2023 für Ölprodukte) – beigetragen. Die Erdgaspreise in Europa waren seit August 2022 ebenfalls rückläufig, was den gut gefüllten Speichern, stark gestiegenen Importen von Flüssiggas (vor allem aus den USA) sowie den relativ milden Witterungsbedingungen zu verdanken war. Insgesamt sind dadurch die globalen Energiepreise seit August 2022 um 36% zurückgegangen. Die Lebensmittelpreise waren bereits seit Mai 2022 im Sinkflug, zum Teil aufgrund der guten Ernte in vielen Teilen der Welt. Auch das Ende Juli 2022 beschlossene Schwarzmeergetreideabkommen, das es ermöglichte, einen Großteil der Getreideexporte aus der Ukraine wieder auf den Weltmarkt zu bringen, hat eine positive Rolle gespielt (UNCTAD, 2023).

Der Ausblick in puncto weitere Rohstoffpreisentwicklung ist jedoch mit vielen Risiken behaftet. Die jüngste Abkehr von der Null-COVID-Politik wird für eine höhere Nachfrage nach Rohstoffen sorgen. Die Preise für Metalle und Mineralien haben bereits darauf reagiert und sind seit dem Tiefstand im Oktober 2022 um 17% gestiegen. Auch die Ausfälle bei der Stahlproduktion in der Türkei infolge des Erdbebens trugen zum Preisanstieg bei. Der weitere Verlauf des Ukraine-Krieges und des geopolitischen Konflikts zwischen dem Westen und Russland (und auch China) bleibt ein wichtiger Risikofaktor, der sowohl die Zukunft des Schwarzmeergetreideabkommens als auch die weiteren Gaslieferungen aus Russland in die EU infrage stellen kann. Sollte es aufgrund der sehr niedrigen Importe aus Russland nicht gelingen, die europäischen Gasspeicher rechtzeitig vor dem Winter 2023/24 zu füllen, ist eine Wiederholung der Energiekrise nicht auszuschließen, was einen erneuten Anstieg der Energiepreise mit sich bringen könnte.

Referenzen

European Commission (2023), Quarterly report on European gas markets, Vol. 15, Issue 3, DG Energy, https://energy.ec.europa.eu/data-and-analysis/market-analysis_en#gas-market—recent-developments

McWilliams, B., G. Sgaravatti, G. Zachmann (2021), European natural gas imports, Bruegel Datasets, first published 29 October, https://www.bruegel.org/dataset/european-natural-gas-imports

UNCTAD (2023), A trade hope: the impact of the Black Sea Grain Initiative. March, https://unctad.org/system/files/official-document/osginf2023d3_en.pdf

Autor: Vasily Astrov (wiiw)

Vasily Astrov ist Ökonom am wiiw und Länderexperte für Russland und andere GUS-Länder. Seine Forschungsschwerpunkte sind makroökonomische Analysen und Energiefragen. Er ist außerdem Herausgeber des wiiw-Monatsberichts. Er sammelte umfassende akademische und internationale Erfahrungen im Vereinigten Königreich (University of Warwick), Deutschland (Westfälische Wilhelms Universität), Norwegen (Universität Oslo) und Russland (Universität St. Petersburg) und absolvierte ein Studium der Wirtschaftswissenschaften (M.Sc., Dipl.-Volksw.) und Geographie (B.A.).

Die Graphiken wurden von Alireza Sabouniha erstellt. Alireza Sabouniha ist Research Assistant am wiiw und absolviert derzeit sein Masterstudium in Volkswirtschaft an der WU Wien.


[1] Nach den mysteriösen Explosionen bei Nord Stream 1 (und Nord Stream 2) Ende September 2022 wurden die Lieferungen über diese Route komplett eingestellt.

FIW-Spotlight: Preiseffekte dominieren Mengeneffekte beim Handel der EU27 mit Russland und Ukraine

Die Auswirkungen des ungerechtfertigten Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine und die daraus resultierenden ökonomischen Verwerfungen sind für alle spürbar: Steigende Rohstoffpreise und lange Lieferzeiten bei manchen Gütern konnten zwar schon vorher beobachtet werden, aber der Krieg hat diese Entwicklungen sicherlich weiter befeuert und verschärft.

Während der Handel mit Rohstoffen wie Gas aufmerksam beobachtet wird, gibt es auch spürbare Auswirkungen im Güterhandel. In diesem Beitrag werfen wir einen Blick auf aktuelle Handelsdaten, und nehmen die Entwicklung im Handel der EU27 mit Russland und der Ukraine unter die Lupe. Wir verwenden dazu Daten der EU Comext Datenbank, welche auf detaillierter Produktebene und mit einer Verzögerung von zwei Monaten abrufbar ist. Da die Handelsströme weiters in Wertvolumen und Mengenvolumen berichtet werden, erlauben sie Mengen- und Preiseffekte zu unterscheiden und ermöglichen somit einen genaueren Blick auf die Trends vor und während des Kriegs zu werfen.

Im Jahr 2021 wurden Güter mit einem Handelsvolumen von 185,6 Milliarden Euro aus Russland importiert. Die Importvolumen aus der Ukraine betrugen rund 40,3 Milliarden Euro. Dieser Niveauunterschied ist nicht überraschend, da Russland auch die dreifache Einwohnerzahl aufweist. Auch die Exporte nach Russland waren 2021 um diesen Faktor größer.

Aufgrund der starken Preisentwicklungen ist es aber unabdingbar auch die Mengenentwicklungen (Daten sind verfügbar in Kilogramm) zu betrachten. Abbildung 1 zeigt die Indizes des Handelsvolumens (Werte), der Mengen und der Preise der Ex- und Importströme von Gütern der EU27 mit Russland und der Ukraine, wobei Jänner 2021 die Basis bildet. Diese Darstellung lässt die Trends dieser drei Indikatoren besser erkennen, blendet die absoluten Größen aber aus.

Die Graphik zeigt, dass sich die Exportvolumen nach Russland bis Februar 2022 stabil gehalten haben (im Vergleich zu März 2021) und für die Ukraine bis Dezember 2021 sogar gestiegen sind, danach aber auf etwa die Hälfte gefallen sind. Die Exportvolumen in die Ukraine konnten sich im April und Mai dieses Jahres schon fast wieder auf Vorkriegsniveau erholen. Auch bei den Exportvolumen nach Russland scheint im Mai ein Aufwärtstrend erkennbar. Die Aufteilung nach Mengen- und Preiseffekten zeigt aber, dass der Aufwärtstrend vorrangig durch eine Preissteigerung getrieben wird: die Exportmengen stiegen von 511 Mio kg im April um nur 7 % auf 546 Mio kg im Mai, während sich die durchschnittlichen Exportpreise um 26 % erhöhten. Die Steigerungen der Exportmengen sind vor allem in der Produktgruppe 84 (Kernreaktoren, Kessel, Maschinen, Apparate und mechanische Geräte; sowie Teile davon) zu finden: spezialisierte Maschinen von Hebe- und Beladegeräten über Mäh- und Dreschgeräten bis hin zu Verbrennungsöfen (Produkte, welche scheinbar nicht sanktioniert sind) wurden im Mai verstärkt nach Russland exportiert.

Wenig überraschend lässt sich erkennen, dass die Handelsvolumen der Importe aus Russland ab März 2022 und der Ukraine ab Februar 2022 einen Rückgang erfahren haben (und im Mai 2022 bereits wieder gestiegen sind). Durch die Aufsplittung des Importvolumens in Mengen und Preise zeigt sich, dass die Menge an Importen der EU aus der Ukraine stärker zurück ging als aus Russland, wo die Importmengen nur wenig sanken. Weiters ist erkennbar, dass vor allem der Preis von Importen aus Russland seit Jänner 2021 gestiegen ist und erst im Mai 2022 einen Rückgang verzeichnet hat. Und der Preisanstieg ist sogar für die gestiegenen Importvolumen verantwortlich: Die Importmenge war bis Jänner 2022 um etwa 8 % geringer (im Vergleich zu Jänner 2021) und ging danach noch weiter zurück (-25 % in Mai 2022).

Abbildung 2 zeigt die EU27-Handelsströme mit der Ukraine aufgeschlüsselt nach Produktgruppen. Die drei am meisten gehandelten Produktgruppen waren 2021 Güter des Industriebedarfs, Investitions- und Konsumgüter. Der Krieg scheint dabei schon Veränderungen gebracht zu haben: Seit April werden vermehrt Kraft- und Schmierstoffe und Fahrzeuge in die Ukraine exportiert. Es zeigt sich, dass sowohl die Mengen als auch die Volumen der Exporte in die Ukraine in fast allen Produktgruppen nach Februar 2022 stark fielen, sich aber wieder rasch erholten. Insbesondere ist – im Vergleich zu den Vorperioden – ein Anstieg in der Kategorie „Güter anderweitig nicht angegeben“ (orange Linie) zu bemerken, da darunter unter anderem Waffen und Munition fallen. Deren Exporte sind von 0,5 Mio. Euro im Jänner auf 133 Mio. Euro im Mai angestiegen.

Die Importe aus der Ukraine bestehen vor allem aus Gütern des Industriebedarfs (61 % des Importvolumen) und Nahrungsmittel (21 % des Importvolumens). Nach dem Einbruch im Februar ist für alle Produktgruppen eine leichte Erholung im Mai 2022 feststellbar. Es gibt Anzeichen dafür, dass die Erholungsphase weiter anhält: Russland und die Ukraine haben durch die Vermittlung der Türkei ein Abkommen unterzeichnet, welches die sichere Ausfuhr von Getreide feststellen soll. Einige mit Getreide und anderen Nahrungsmittel beladene Schiffe haben seither den Hafen von Odessa verlassen.

Das Volumen der Exporte nach Russland ging ab März stark zurück, scheint aber ab Mai einen kleinen Aufschwung zu zeigen, was auf die Preissteigerungen zurückgeführt werden kann. Die Exporte an Fahrzeugen (in Mio. Euro) sind von Jänner bis Mai um 85 % gefallen, wobei jedoch ein leichter Anstieg im letzten Monat zu erkennen ist.

Bei den Importen aus Russland macht die Kategorie „Kraftstoffe und Schmierstoffe“ 69 % des Gesamtwertes aus. Güter des Industriebedarfs machten weitere 27 % aller Importe aus, die restlichen Kategorien fallen mit 1 % oder weniger kaum ins Gewicht.

Ab März fallen die Importmengen in den meisten Produktkategorien. Dabei hat sich das Wertvolumen für die Produktkategorie Kraftstoffe und Schmierstoffe seit Jänner 2021 mehr als verdoppelt, während das Mengenvolumen annähernd gleichgeblieben ist, was somit auf starke Preisanstiege zurückzuführen ist.

Allgemein sind diese starken Preisanstiege – und nicht nur bei Importen von Rohstoffen wie Gas oder Öl – der wichtige Faktor, warum es Russland gelungen ist, in den ersten sechs Monaten von 2022 einen Handelsüberschuss von 138,5 Mrd Dollar zu erzielen. Insgesamt zeigt sich, dass aufgrund des Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine der Handel starken Änderungen unterworfen war. Dabei ist jedoch aufgrund der starken Preisdynamik insbesondere wichtig, die Entwicklungen in Mengeneinheiten zu betrachten, um ein realistisches Bild der Entwicklungen zu zeigen.

Autor: Mag. Dipl. Ing. Oliver Reiter (wiiw)

Oliver Reiter ist Ökonom und Data Scientist am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw). Seine Forschungsschwerpunkte sind internationaler Handel, nicht-tarifäre Maßnahmen im Handel, die Erstellung/Aktualisierung einer multiregionalen Input-Output-Datenbank (wie WIOD) und agentenbasierte makroökonomische Modelle. Er hat einen Bachelor- und einen Master-Abschluss in Volkswirtschaft, einen Bachelor-Abschluss in Statistik und einen Master-Abschluss in Informatik, alle von der Universität Wien.

Die Graphiken wurden von Karl Gmeiner erstellt. Karl Gmeiner ist Schüler am Europagymnasium Baumgartenberg und absolvierte im Sommer 2022 ein Volontariat am wiiw.

FIW-Spotlight: Importabhängigkeiten der EU bei Vorleistungsprodukten

Die Lieferkettenprobleme im Zuge der COVID-19 Pandemie als auch des ungerechtfertigten Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine und die damit einhergehenden ökonomischen – aber auch sozialen und humanitären – Auswirkungen und Sanktionsmaßnahmen haben die Abhängigkeiten hinsichtlich der Importe von Vorleistungsprodukten vor allem aus dem Nicht-EU Ausland schmerzhaft deutlich gemacht. Die zukünftige geo-politische und -ökonomische Entwicklung ist jedenfalls unsicherer denn je, worauf es Antworten zu finden gilt. Das wirft zunächst die Frage auf, wie groß der Anteil der Vorprodukte ist, die aus Nicht-EU27 Ländern importiert werden. Dies wird in diesem Beitrag zunächst mit Daten aus dem Jahr 2018 gezeigt, wobei natürlich derzeitige Veränderungen – insbesondere hinsichtlich der Rolle Russlands – nicht berücksichtigt werden konnten. Wie Abbildung 1 zeigt, reicht der Anteil der aus Nicht-EU27 Ländern importierten Vorleistungsprodukten von 33% in Irland bis zu 7% in Rumänien. Für Österreich beträgt dieser Anteil etwa 10%.

Der Anteil der importierten Vorleistungen aus Russland liegt bei den meisten Ländern unter 4% (des gesamten Vorleistungsverbrauchs) und ist nur für Litauen und Bulgarien mit etwa 10% wesentlich höher. Österreich hat aus dieser makroökonomischen Sicht mit etwa 0,5% eine eher geringe Abhängigkeit von Russland zu verzeichnen. Der Anteil Chinas bei den Vorleistungsprodukten liegt für die meisten Länder ebenfalls in etwa dieser Größenordnung. Estland, Ungarn, oder Tschechien liegen hier mit Werten bis etwa 2,5% an der Spitze. Für Österreich liegt der Wert der importierten Güter aus China bei etwa 1%. Betrachtet man die EU27 als ein Land stammen gemäß dieser Daten fast 12% der verwendeten Vorleistungen aus dem Ausland, davon 1% aus Russland und 1,2% aus China.

Betrachtet man nur die Importe von Vorleistungsgütern aus Nicht-EU27 Ländern (Abbildung 2) zeigt sich, dass etwas mehr als 40% aus den USA, dem Vereinigten Königreich, Schweiz, Japan und Norwegen stammen. China mit 11% und Russland mit 9% weisen ebenfalls größere Anteile auf. Diese sieben Länder machen somit etwa 60% der importierten Vorleistung Europas aus. Indien, Türkei, Singapur und Korea haben Anteile von etwa 2%. 24 der 64 in den Daten enthaltenen Länder haben weniger als 1% Importanteil.

Allerdings kann schon das Fehlen einzelner Produkte Produktionsprozesse lahmlegen oder zumindest verzögern. Bekannte und derzeit akute Beispiele dafür sind die Importabhängigkeit vom russischen Gas, besonderen Rohstoffen wie Palladium oder Nickel oder auch komplexeren Produkten wie Kabelbäumen, die aufgrund des Angriffskrieges Russlands in der Ukraine nicht mehr produziert werden können.

Legt man den Fokus auf den Güterhandel zeigt eine Auswertung detaillierter Handelsdaten (UN COMTRADE HS96, Durchschnitt der Jahre 2018-2020), dass bei fast 140 Produkten (von mehr als 5.000) der Importanteil aus einem Land bei mehr als 90% liegt. Setzt man die Grenze mit 75%, sind es bereits fast 600 Produkte, die einen hohen Konzentrationsanteil aufweisen. Abbildung 3 zeigt die Abhängigkeiten von einzelnen Partnerländern nach Produkten für die wichtigsten Importpartner. Beispielsweise hat China bei 34 Produkten einen Importanteil von mehr als 90% und bei 205 Produkten von mehr als 75%.

Die rezente Diskussion über Risiken, Resilienz und Robustheit von Wertschöpfungsketten zeigt einerseits die vielfältigen Formen von potenziellen Schocks auf, wobei angebotsseitige Versorgungsengpässe, nachfrageseitige Einbrüche oder plötzliche Anstiege sowie Unterbrechungen der Transportwege als wichtigste genannt werden. Gegeben diese unterschiedlichen potenziellen Ursachen für Störungen in den Wertschöpfungsketten gestalten sich auch die wirtschaftspolitischen und firmenspezifischen Maßnahmen unterschiedlich je nach Produkt, Herkunftsland oder -region und Wichtigkeit betreffend Produktionsprozesse und gesamtwirtschaftliche Notwendigkeiten. Diese reichen von Diversifikationsstrategien hinsichtlich Anbieter und Transportwege, Aufbau oder Erhaltung redundanter Produktionskapazitäten, Bevorratung und Maßnahmen zur Verbesserung der Information bezüglich Struktur und Transparenz von Lieferketten (z.B. Stress-Tests von Lieferketten). Empirische Analysen und wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen sind aufgrund der unsicheren und risikoreichen zukünftigen Entwicklungen notwendiger denn je.

Autor: Univ.-Doz. Dr. Robert Stehrer (wiiw)

Robert Stehrer ist wissenschaftlicher Leiter am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw). Seine Expertise deckt ein breites Feld der Wirtschaftsforschung ab, das von Fragen der internationalen Integration, des Handels und der technologischen Entwicklung bis hin zu Arbeitsmärkten und angewandter Ökonometrie reicht. Seine jüngsten Arbeiten konzentrieren sich auf die Analyse und die Auswirkungen der Internationalisierung der Produktion und des Wertschöpfungshandels. Weitere Beiträge beziehen sich auf den Zusammenhang von Digitalisierung, Demographie, Produktivität und Arbeitsmärkte. Er studierte Volkswirtschaft an der Johannes Kepler Universität und Soziologie am Institut für Höhere Studien (IHS) und ist Lektor für Wirtschaftswissenschaften an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU Wien) und der Technischen Universität Wien (TU Wien).